Seelenstriptease eines Skifahrers

Oder – wie ich meine Ängste vor dem freien Gelände überwand

Heute liegt er vor mir auf der Couch – mein innerer Skifahrer. Und er hat ein psychologisches Dilemma: 

1. Er fährt gut – sehr gut sogar – aber eben nur im Pistenbereich. 

2. Es zieht in raus ins Gelände abseits der Piste. 

 

Eigentlich kein Thema wären da nicht tiefsitzende Ängste – denn seien wir uns mal ehrlich, Mensch und Berg, da zieht ersterer, wenn es drauf ankommt, den Kürzeren. Also, mein „Es“, mein Unterbewusstsein, fürchtet sich einfach vor der Gewalt der Berge, allem voran vor Lawinen. Und dann gibt es da noch das „Über-ich“, das mir mit erhobenem Zeigefinger in Erinnerung ruft, dass ich ja ein verantwortungsvoller Mensch bin. Trotzdem – inneres Verlangen soll man bekanntlich nicht zu lange unterdrücken und da ich mein eigener Seelendoktor bin rate ich mir, mich meinen Ängsten zu stellen. Ich halte es mit Oscar Wilde: „Der einzige Weg, eine Versuchung los zu werden, ist ihr nachzugehen.“ Aber ganz unrecht haben „Es“ und „Über-ich“ auch nicht – die Gefahren im freien Skiraum sind real. Also werde ich mich nicht unvorbereitet oder alleine in dieses Abenteuer stürzen. 

 

Ich suche mir einen Ski-Freund

Ein Kumpel von mir hat mir von den Ski-Friends im Zillertal erzählt. Angeblich kostenlos fährt man in Hochfügen mit einem ausgebildeten Freeride-Führer ein bisschen ins freie Gelände und die Ausrüstung gibt’s auch gestellt. Das klingt ja fast zu gut um wahr zu sein, aber ein bisschen Recherche bestätigt es. In eineinhalb Stunden von München bin ich dort. Die Freeride-Skier leihe ich mir im Freeridepoint aus und sehe schon – hier bin ich mit meinem Anliegen gut aufgehoben. Sie haben umfangreiches Infomaterial und kompetentes Personal.  

 

Wie ein Einser-Schüler stehe ich eine halbe Stunde vor Beginn der Ski-Friends am Treffpunkt. Ich bin aber offenbar nicht der größte Streber der Nation. Ein Pärchen in meinem Alter und zwei etwa 16 jährige Mädels stehen auch schon da. Früh hier sein loht sich wohl, denn mehr als sechs Leute nehmen sie nicht mit und dann geht´s los. Unser Ski-Friend Andi zeigt uns genau, welche Ausrüstung wir unbedingt im Rucksack dabei haben müssen, angefangen bei LVS-Suchgerät, Sonde, Schaufel und Piepsgerät. Außerdem wie der Lawinenlagebericht zu lesen ist und wo wir ihn abrufen können. Anschließend die wichtigen Regeln fürs Fahren im freien Gelände. Spaß, aber mit Köpfchen. Das passt für mich. Andi erklärt uns abschießend die größten Unterschiede zwischen dem Fahren auf der Piste und im Tiefschnee. Dann geht´s endlich los. 

 

Aller Anfang ist schwer

Oder auch nicht. Es hat gestern Nacht stark geschneit und ich stecke ziemlich fest – hab das Gefühl da geht nix weiter. Also volles Gewicht nach vorne – Skispitzen leicht nach oben – ich nehme langsam Fahrt auf, aber beim ersten Bogen liege ich schon. Zum Glück nicht als einziger. Ungewohnt ist auch, dass ich mich richtig aus dem Tiefschnee rauswühlen muss – nicht einfach auf und weiter wie auf der Piste. Ich kämpfe noch mit der Koordination und es nervt, dass ich wieder fahre wie ein Anfänger, aber ich bekomme ein Gefühl für die Faszination Freeriden. Es fühlt sich mehr an wie Surfen, losgelöst wie am Wasser nur eben fester. Man ist dermaßen konzentriert auf das Fahren in dem unbekannten Gelände, dass alles andere in den Hintergrund tritt. Die totale Freiheit!

 

Jetzt heißt es üben, lernen, erfahren

Auf dem Weg nach Hause bin ich total geflasht und danke ich meinem inneren Seelendoktor für seinen kompetenten Rat. Ich weiß jetzt schon, das ist genau mein Ding. Aber ich brauche ich noch viel Wissen und Erfahrung und vor allem sehr viel Übung mit Profis, um irgendwann sicher unterwegs zu sein. Für ein Freeridecamp habe ich mich schon angemeldet.