Kann Skifahren eine Beziehung retten?

Auf jeden Fall verjüngen und auffrischen meint Christine Waldhart (42) nach einem Kurzurlaub in Hochfügen im Zillertal 

 

Es heißt Ehepaare sprechen im Durchschnitt neun Minuten pro Tag miteinander. In den letzten Monaten war ich mir nicht sicher, ob wir diesen Wert erreichen. Mein Mann hatte sich seine Arbeit zur zweiten Frau genommen. Anfangs freuten wir uns noch über seine Beförderung, aber mittlerweile fühle ich mich vernachlässig. Schlechtes Gewissen auf beiden Seiten. Meinem Mann ging auf, dass es so nicht weitergehen konnte. Als Wiedergutmachung schenkte er mir ein Wochenende in den Zillertaler Bergen – nur wir beide. Ein bisschen mulmig sah ich der gemeinsamen Einsamkeit schon entgegen. Was wäre, wenn wir uns wirklich nichts mehr zu sagen hätten? Familie, Freunde, Bekannte, Geschäftspartner – immer war jemand dabei. Stunden der Zweisamkeit eher rar. Die Anfahrt ins Zillertal verlief so làlà. Ich sah ihm an, dass er in Gedanken bei seinen unbeantworteten Mails war, die ihn nach unserem Kurzurlaub erwarteten. Ich hatte insgeheim Angst nach längerer Pause wieder auf Skiern zu stehen – vielleicht hatte ich es ja verlernt.

 

Die Höhenluft tat unserer Laune gut

 

In Fügen bogen wir auf die Hochfügener Höhenstraße ab und plötzlich änderte sich unsere Laune. Unten im Tal hing der Nebel, aber umso höher wir fuhren, desto mehr kam der Sonnenschein heraus. Die Straße bot außerdem einen eindrucksvollen Blick ins Tal. In Hochfügen angekommen machten wir es uns in unserer geräumigen Unterkunft gemütlich. Das Hotel liegt nur wenige Meter von der Skipiste entfernt. Das findet man nicht oft. 

 

Am nächsten Morgen ging’s los. Nach ein paar Aufwärmübungen und den ersten Schwüngen auf der frisch präparierten Piste merke ich, wie sehr ich das Skifahren vermisst hatte. Ich empfinde ein Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit. Es ist herrlich und ich sehe an meinem Mann, dass es ihm auch so geht. Wir lachen und fühlen uns richtig gut. 

 

Am Abend führte mich mein Mann ins Drei-Hauben-Restaurant Alexander aus. Es war ein kulinarisches Erlebnis regionaler und internationaler Köstlichkeiten – jeder Gang ein Kunstwerk. Beim Dessert eröffnete er mir für den nächsten Morgen eine Überraschung. Dazu müssten wir vor Sonnenaufgang am Lift sein. Ich heuchle Begeisterung, aber eigentlich halte ich es für eine bescheuerte Idee. Statt ausschlafen und kuscheln treibt er mich in aller Herrgottsfrüh in die Kälte. 

 

Der frühe Vogel fängt den Wurm

 

An nächsten Morgen stapfen wir im Mondschein die paar Meter zur Talstation. Mich überkommt das Gefühl, jung und etwas verrückt zu sein. Es sind ein paar andere Leute da, aber ansonsten ist es bis auf das tiefe Vibrieren der Seilbahnmotoren völlig ruhig. Ich habe insgeheim mit einem Frühstücksbuffet in einem Bergrestaurant gerechnet, aber der Mitarbeiter der Bergbahnen heißt uns zum „Sonnenaufgangsskifahren“ willkommen. Gemeinsam den Sonnenaufgang in den Bergen erleben – eine schöne Idee! Ich bin beeindruckt und froh, früh aufgestanden zu sein. 

 

Erhabene Momente beim Sonnenaufgang in den Bergen

 

Oben angekommen, es ist kurz vor sieben, erreichen wir nach ein paar Minuten zu Fuß unser Ziel. Das Timing ist perfekt. Gerade als wir es uns bequem gemacht haben beginnt das wundervolle Farbenspiel der Morgendämmerung. Das tiefe Blau der Nacht wird von Orange- und Lilatönen durchzogen, die Gipfel der Zillertaler Bergwelt zeigen sich mehr und mehr. Wir öffnen unsere Thermoskannen und der Duft frischen Kaffees durchströmt die klare Morgenluft. Es ist friedlich und still. Wir sind Teil einer wunderschönen Natur. Stumm und eng aneinander geschmiegt genießen wir das Schauspiel des Sonnenaufgangs oben auf dem Berg. Langsam finden wir unsere Sprache wieder und essen unser Frühstück aus dem Rucksack. Es schmeckt unheimlich gut. Die Sonne ist mittlerweile über die Berge geklettert. 

 

Wir machen uns auf den Rückweg zu unsern Skiern. Es warten frisch präparierte Skipisten auf uns. Wir setzen erste Spuren in den Schnee. Etwas erschöpft aber glücklich beenden wir bereits nach dem Mittagessen unseren Skitag und wollen die Sonne auf den Balkon unseres Teilzeitheims genießen. Wir erfreuen uns an der Aussicht und der Zeit zu zweit. Es ist wie früher, bevor uns der Alltag eingeholt hatte. Wir versprechen, uns zukünftig öfter solche Auszeiten zu gönnen.